Seelenlandschaften

Ich sitze da, hoch oben auf dem Berg, zwischen stattlichen Buchen und Eichen. Es ist Mitte Mai, um mich herum tobt ein Schneesturm. Aber mein Kern ist warm. Ich tauche ein in den Dialog mit den Urkräften des Landes:

„Dieses Land ist anders. Es hat seine eigenen Gesetze. Tauche ein in die raue Schönheit des Landes, spüre die Urkräfte. Stimme dich ein auf ihren Rhythmus. Es braucht keine großen Altäre, denn es lebt von der Einfachheit im Dialog mit seinen Geistern. Entdecke seine Wildheit und damit auch wieder die Wildheit in dir selbst.

Es schützt all jene, die bereit sind, sich mit der Seele des Landes zu verbinden und sorgt für das Lebensnotwendige. Es hält nichts von materiellen Dingen, denn Reichtum hat hier eine eigene Bedeutung und wird nicht in Dingen gemessen.“

 

Ich sitze da, innerhalb der Kulturlandschaft einer Binge. Die Seele des Ortes beginnt zu sprechen:

„Wenn Orte beginnen, dir etwas über Geschichte und Schicksal seiner Landschaft in der Tiefe erzählen, so setz dich, sieh hin und höre zu. Es könnte wichtig sein. Denn sie wissen die ganze Geschichte. Um zu verstehen was geschehen. Um zu lernen was die Folgen, wenn unser Menschen Tun der Gier und dem niemals genug entspringt. Wenn Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht gerät, unersättliches Verlangen den Respekt ersetzt. Respekt vor dem Planeten, anderen Menschenleben und letztlich vor sich selbst.“

Landschaft und Heimat wird zuerst in uns selbst geboren, ehe wir zum Hüter des Landes werden, das uns anvertraut wurde für eine gewisse Zeit im Bewusstsein von Respekt, Gabe und Gegengabe.

 


 

So spiegeln die physischen Orte, an denen wir verweilen, auch analog die Ökosysteme unserer Seelenlandschaft bis in die Tiefe unseres Selbst und unserer Geschichten aus allen voran gegangenen Inkarnationen. Spiegeln unsere Lernprozesse, unsere Entwicklungen, die wir gehen wollen.

Ob wir viel reisen, oder an einem Ort verweilen, für ein paar Momente, für kürzer oder für länger oder die gesamte aktuelle Inkarnation. Immer jedoch ein eigenes Abenteuer des Daseins mit seinen jeweiligen Herausforderungen, Schwierigkeiten, Chancen. Werden konfrontiert, mit Schönheit, aber auch Traumata und Schmerz. Der uns angetan wurde, den wir anderen bereitet haben. Verbunden mit tiefen Gefühlen und ihren Tränen, die nach Ausdruck verlangen, nach dort, wo sie gut gehalten werden können werden und fließen dürfen. Mit Ganzheit, Scherben und Neuschöpfung. Mit Entwurzelung, dem Wachsen neuer Wurzeln und neuer Blüte. Mit Leben, mit Sterbeprozessen und mit Neugeburt.

Auf der Suche nach Ganzheit, nach Rückverbindung, nach Verbundenheit, nach Erfüllung, nach Heilung. Nach uns ganz eigenen Selbst im Kontext unserer Existenz im Ursprung. Nach unserer klaren Quelle die dort entspringt, oft abgedeckt mit vielen Schichten unseres Seelensumpfes. Auf der Suche nach unserem inneren Seelenlied.

Unsere Seelenlandschaft hat viele Schichten, zahllos wie die Ebenen der Erdgeschichte. Von Allem etwas. An ihrer Oberfläche sehen wir Gegenwärtiges wie die fossilen Überreste längst vergangener Zeiten. Können sehen, was funktioniert hat, was nicht. Sehen Verantwortlichkeiten, Notwendigkeiten, Bedürftigkeiten.

Sie während unserer Seelenreise Schicht für Schicht zu entblättern und hinzusehen erfordert zuweilen enormen Mut und Vertrauen in uns Selbst und in die Hilfe, die uns dafür Zuteil wird, weil mitunter auch Unschönes Zutage tritt, für dessen wir uns abgrundtief schämen. Um zu sehen, welche Erfahrungen es in der Gegenwart und in der Zukunft nicht unbedingt oder nicht mehr braucht.Um Frieden zu machen. Um sortieren und aufzuarbeiten, ohne uns jedoch dabei aufzuarbeiten. Um Geschichten, die uns scheinbar zwanghaft festhalten in die Vergangenheit lassen zu können, damit ein Weiter gehen, ein Vorwärts schauen möglich ist, neue Wege gegangen werden können. Und letztendlich auch, um gänzlich neue und gute Erfahrungen machen zu können. Oft gerade dann, wenn wir gar nicht mehr daran glauben können.

Doch auch gute Erfahrungen und neue Wege, die wilde, ursprüngliche Schönheit wie Echtheit einer Landschaft müssen gehalten, ertragen und verarbeitet werden, da wir beides sind. Schatten wie Licht. Alles in uns tragen, Abgründe, Neutrum und Glanz. So tragen wir auch das Wissen um die natürlichen Urgesetze des Lebens in uns, in unserer Herzensseele, als höchste Instanz der Ethik. Unseren inneren Kompass für ein gesundendes Heute, aus dem auch ein gesundendes Gestern und Morgen bereitet wird.


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