Aufarbeitung
Zahllose Trigger, tief sitzende Traumata, Flashbacks und schambehaftete Erinnerungen klopfen an meine Türe. So laut, dass ich sie nicht mehr überhören kann. Mahnen zum hinsehen, aufarbeiten, aufräumen.Lassen sich weder zurück stecken noch schön trinken. Schmeißen geglaubte Normalität und gewohnte Bahnen über den Haufen, auf einen Haufen Chaos. Wo fange ich an, wo höre ich auf… Wunden brechen auf. Tränen meines Weltschmerzes tragen mich tiefer und tiefer in den Ozean meiner Seele.
Ich hungere nach Heilung. Nach Ganz werden. Nach einer Quelle frischen Wassers, aus der ich trinken kann. Suche nach neuen Wegen, weil die Alten nicht mehr funktionieren. Schon lange nicht mehr. Hinein in ein Land neuer Hoffnung aus der Verzweiflung.
Und ja, es ist Zeit, dass es endlich fließt. Ungeweinte Tränen mein inneres Eis zum schmelzen bringen. Als Dünger für ein neues Morgen, an dem auch wieder Leben und Blüte möglich ist…“
- Eine Betroffene
Heilung.
Ein Weg, ein Abenteuer, eine Challenge. Und oft ein Grat, ein Drahtseilakt, ein Auf und Ab… Für Reisenden und Begleiter, die dafür nötig sind.
Weil wir den Weg zuweilen nicht alleine finden können. Das Chaos zu groß ist, er zu stark mäandert. Wir nicht um die nächste Kurve blicken können. Gefahren nicht oder noch nicht einschätzen können, weil wir nur den eigenen begrenzten Blickwinkel haben. Noch zu sehr in alten Mustern stecken, die uns auf unseren Weg erst bewusst (gemacht) werden.
Weil Nebel… manchmal die Sicht nimmt. Bestehend aus Sehnsüchten, Erwartungen, Wunschdenken, Wunschbildern… über die Welt, wie sie uns gefällt, wie sie sein sollte oder könnte oder hätte sein können und auch über uns selbst. Weil uns unsere eigenen Spiegel zuweilen blenden oder stark verzerren.
Weil es den Blick von außen braucht. Von jemandem, dem wir vertrauen, der ehrlich zu uns ist und uns auch sagt, was wir nicht hören wollen. Zeigt, was wir nicht sehen können oder wollen, uns dafür aber auch vor dem Fallen in ein Loch bewahrt, oft ein Loch der gewohnten Gewohnheit, die uns nicht weiter bringt. Jemandem, der uns jedoch auch die Hand reicht, das Licht für uns hält, wenn wir es selbst nicht mehr sehen können. Die Hand hält, während wir er/sie uns zum Blick hinter die Finsternis begleitet. Den Weg kennt, und auch den Weg raus, aus einem schier endlos langen Tunnel mit seinem verengten Blickwinkel.
Traumaarbeit.
Intensivste und sensibelste Prozessarbeit. Höchster Drahtseilakt. Für Betroffene und Begleiter. Weil die Seele zuweilen aufschreit von den inneren Bildern, den inneren Worten, den Erinnerungen und ihren Schmerz, der mit ihnen an die Oberfläche kommt.
„Ich fühle den Traumaschmerz am stärksten dann, wenn ich mir Dinge selbst kaum verzeihen kann. Hadere mit Selbstannahme. Mit Annahme von Hilfe, mit der Annahme von Gutem, was mir passieren könnte...“ - Eine Betroffene
Eine sensible Gratwanderung zwischen Verständnis, Zuspruch und einen Tritt in den Allerwertesten für einen Schritt nach vorne, um nicht unter die Hamsterräder zu kommen. Retrauma lassen sich nicht immer vermeiden, da die Ursache dafür gelöst werden will. Trigger werden in der Regel dadurch abgearbeitet, indem man den Schlüssel in das Schloss steckt, es öffnet und abhängt.
Traumata wollen festhalten, im Annodazumal der Vergangenheit. Wehren sich gegen den Blick ins Jetzt, gegen die Gegenwart. So lange, bis eine Lösung gefunden ist und sie endlich in die Geschichte losgelassen werden können.
Unverarbeitete Traumata verjähren nicht mit dem Ende einer Inkarnation. Sie summieren sich auf. Sind irgendwann reif. In der Regel dann, wenn die Seele bereit dazu ist, hinzusehen. Und den schwierigen Weg der Heilung zu beschreiten.
Aufarbeitung.
Ohne sich oder andere dabei aufzuarbeiten. Ohne sich oder andere dabei zu verletzen. Eine echte Herausforderung. An Freundschaften, Beziehungen, Partnerschaften, Therapieprozesse.
Weil Aufarbeitung jede Menge Energie auf sich zieht und an sich binden will. Aufmerksamkeit fordert, gesehen und gehört werden will, stark bedürftig macht. Zugleich sich jedoch auch oft aus Scham in das nächste Mausloch verkriechen will und die Türe verschließen.
… ist zuweilen Schwerstarbeit und erschöpfend. Tiefe innere Arbeit. Jedoch auch lösend, wenn sie gut geführt ist. Ein intensiver Lernprozess für alle Beteiligten.
Tränen…
… dürfen fließen. Lösen das Eis, lösen Verkrustungen aus der Seele, aus dem Herzen. Aufarbeitung ist auch Trauerarbeit. Weil Altes stirbt und Neues geboren wird.
Viele gesunde Ressourcen…
… werden gebraucht, müssen herausgearbeitet werden. Neue Blickwinkel geschaffen. Neue Variablen. Wertungsneutrale Räume. Ausgleich, Lichtpunkte… jedoch
Wie viele Lichtpunkte...
...braucht es. Wie viele sind zu viel, weil ein zu frühes, zu weites und hohes Losfliegen eine Bruchlandung zur Folge hätte.
Wie viele Pausen…
zum Verarbeiten, zum Verdauen sind notwendig, ohne jedoch den nächsten Schritt zu verpassen. Den Zeitpunkt, an dem es weiter geht, auch wenn man Angst davor hat. Weil man sonst stehen bleibt und zurück treibt.
Wege…
… die nur schrittweise gegangen werden können. Manchmal sind es nur winzig kleine Schritte, die sicher erreicht werden können. In der passenden Reihenfolge, weil sie aufeinander aufbauen.
... werden oft erst gefunden aus der Notwendigkeit der Veränderung heraus … erst dann, wenn verstanden wurde, was und warum etwas nicht funktioniert hat. Wenn erste Schritte der Aufarbeitung gegangen wurden, sich das Chaos langsam lichtet und sortiert.
Grenzen
Jede Seele hat dabei ihre eigene Geschwindigkeit, Bedürfnisse, Bedürftigkeiten, Kapazitätsgrenzen dessen, was aufgearbeitet und verarbeitet werden kann, was sie für den Moment tragen und halten kann.
Wann… ist der richtige Zeitpunkt für was. Jeder Schritt hat seine eigene richtige Zeit, wann und in welchem Kontext er gegangen werden kann.
Wie viel ist möglich und nötig, um Grenzen zu erweitern und Entwicklung zu ermöglichen. Um nach dem Höhepunkt eines Aufarbeitungsprozesses wieder in die Entspannung, in den Ausgleich zu gehen. In die Reflexion der Verarbeitung ohne Wiederzukäuen. Entwicklung sieht und spürt man selbst oft erst im Gesamtzusammenhang.
Gegenwart
Dann kann auch die Gegenwart wieder ins Leben kommen. Der Blick nach vorne. Etwas mehr Frieden im Innen, weil wieder ein Stück geschafft ist. Die Seele vollständiger. Neue Möglichkeiten werden greifbar und Knospen bereiten sich auf die Blüte vor. Leben... das eigene Leben... schält sich aus einen bloßen Wort in eine eigene Bedeutung von Charakter und höchstem Wert. Um es mehr und mehr aus dem Herzen zu leben.